Quo vadis, “Shared Space”?

Ein Gespenst geht um in der Gemeinde Bartringen: der gemeinsame Verkehrsraum, im modernen Wortlaut “Shared Space” genannt, ist seit vielen Monaten ein konkretes Vorhaben des Gemeinderates und hat bei den Bewohnern bereits für mancherlei Gesprächststoff gesorgt. Im eben vorgelegten Gemeindehaushalt für das Jahr 2010 erscheint das Projekt als quasi beschlossene, kostenintensive Position.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob die zunächst so verlockend anmutenden Vorteile denn wirklich solche sind. Auf den ersten Blick muss man die erheblichen Kosten, die für den Umbau und die anschließende Instandhaltung das neuen Verkehrsraumes anfallen, kritisch betrachten und fragen, ob sie die eventuellen Einsparungen nicht übertreffen und dementsprechend gerechtfertigt sind. Denn rund sechs Millionen Euro werden für die kommenden Jahre veranschlagt.

Weiterhin muss befürchtet werden, dass die zur Erhöhung der Sicherheit bestimmte Verunsicherung bei verschiedenen Personengruppen ein solches Ausmaß anzunehmen droht, dass sie den Verkehrsraum vollständig meiden könnten. Man denke an Kinder, ältere Menschen und Behinderte (insbesondere Sehbehinderte), die aus Angst vor den Gefahren der gemeinsamen Verkehrszone nicht mehr vor ihre Haustür treten, was letztlich in die soziale Isolation führen kann.

Insbesondere an den Schnittstellen zwischen “normalem” Verkehrsraum und “Shared Space” ist die Gefahr von Unfällen als erhöht anzusehen. Da es sich bei Bartringen um eine grenznahe Gemeinde handelt, die von vielen Reisenden und Grenzgängern, denen dieses Konzept nicht geläufig ist, durchfahren wird, ist die Gefahr von Unfällen infolge der Irritation dieser “unkundigen” Autofahrer stets gegeben.

Hat sich “Shared Space” eigentlich bewährt? Konnte in den europäischen Gemeinden, die das Konzept seit 2001 anwenden, eine signifikante Reduzierung der Unfallzahlen beobachtet werden? Die Studienlage hierzu ist keineswegs eindeutig, unabhängigen Untersuchungen des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft zufolge blieben die Unfallzahlen nach den Umbaumaßnahmen auf gleichem Niveau.

Wieso also sollte dieses kostenträchtige Konzept, mit all seinen offenkundigen Schwächen, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten umgesetzt werden? Darf hier politischer Aktivismus vor dem Hintergrund anstehender Kommunalwahlen vermutet werden?

Die Idee, den Verkehrsraum im Zentrum von Bartringen, insbesondere während der Stosszeiten, zu beruhigen, ist richtig und unterstützenswert. Dies kann jedoch mit deutlich weniger exotischen und vor allem weniger teuren Maßnahmen mindestens genauso effizient erreicht werden. Das Einführen von 30er Zonen während Tageszeiten mit erhöhtem Fußgängeraufkommen (e.g. Schulbeginn, Mittagspause, Schulende) sowie vermehrte Polizeikontrollen während derselben wäre der Einführung eines als experimentell einzustufenden Konzeptes unbedingt vorzuziehen. Unter dem Licht der aufgeführten Argumente sollte der Gemeinderat die Einführung des “Shared Space” kritisch überdenken und die naheliegenden Schlussfolgerungen ziehen.

Philippe Wilmes

Philippe Wilmes